14. Dezember

© Aaron Burden/Unsplash
Es gibt keine Herzensdinge, nur Dinge.
 

Vom Haben und Sein

Meine Welt ist voller Zeug und Krempel. Manches davon vergraben in Schubladen, anderes beerdigt in Schränken. Manchmal vergesse ich, dass ich Dinge besitze – und sie fehlen mir nicht: der Gymnastikball, die Knoblauchpresse, die Pasta-Maschine. Dinge, von denen ich einmal geglaubt habe, sie dringend zu brauchen. Warum hängen wir unser Herz an Sachen, die spätestens nach zweimal Benutzen im Schrank verstauben? Wie verändern uns die Dinge? Und wie viel Haben ist gut für uns?

 

Der Durchschnittseuropäer besitzt heute etwa 10.000 Dinge. Von Reißzwecken über die Zahnpasta bis hin zum Kühlschrank. Kram, der sich verbraucht und Dinge, die rumstehen. Ständig müssen wir aufräumen, saubermachen, sortieren, wegschmeißen, ordnen. Ich überlege, wie viel Lebenszeit ich in Dinge investiere, für sie verschwendet habe. Und waren sie es wert?

 

Psychologen äußern sich widersprüchlich über das Glück und das Haben: Geld zu haben, befreie von allen möglichen Zwängen. Doch sich fortwährend mit Besitz zu beschäftigen, mache unglücklich. Wir alle müssen konsumieren. Wir müssen essen, trinken, uns kleiden. Aber wir konsumieren auch, weil es Spaß macht. Oder aus Langeweile. Oder weil Weihnachten ist.

 

Ich vergesse zu oft, dass hinter den Dingen, die ich kaufe, auch Menschen stehen. Die Fremden, die irgendwo auf diesem Erdball meine Kleidung genäht haben und von denen später höchstens eine Kontrollnummer auf dem Etikett kleben bleibt. Wer steckt hinter der Nummer? Wie viel Geld verdient er oder sie? Und reicht es zum Leben? – Ich kenne keine Armut. Jedenfalls keine richtige. Armut ist eine Frage der Perspektive. In meinem Kiez mag sich manche Mutter schon als arm empfinden, wenn sie sich nicht das angesagteste Kinderwagenmodell leisten kann. Eigentlich müssen wir uns eingestehen: Auch wenn wir uns nicht alles kaufen können, was wir uns wünschen, jammern wir auf einem ziemlich hohen Niveau. Konsumkritik ist auch Selbstkritik.

 

Die Bibel hat eine klare Position zu den Dingen: Es bringt nichts dem Geld oder materiellen Gütern hinterherzujagen. Selig sind nicht die, die sich viel kaufen können. Einem sehr reichen Mann rät Jesus im Lukasevangelium sogar: „Verkauft alles, was ihr habt!“ Und trotzdem war Jesus kein Antikapitalist. Er sagt: Wenn dich dein Haben davon abhält, dich für größere Ziele einzusetzen, dann musst du etwas ändern.

 

Seinen Konsum zu überdenken, bedeutet also nicht gleich ins Kloster einzutreten oder nackt im Wald zu zelten und sich von Wurzeln zu ernähren. Es bedeutet auch nicht, die Weihnachtsgeschenke komplett zu streichen. Bevor wir aber anderen die Schränke vollkaufen, sollten wir vielleicht darüber nachdenken: Was ist wirklich wichtig? Was zählt? Ich brauche kein Vermögen ausgeben, um den Menschen, die mir etwas bedeuten, zu zeigen, wie viel sie mir bedeuten. Vielleicht müssen wir es uns öfter sagen: Die Dinge machen uns weder schöner noch beliebter noch zufriedener. Es gibt keine Herzensdinge, nur Dinge.

 

Sabrina Becker

ist Rerentin für Öffentlichkeitsarbeit im CVJM-Ostwerk