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Helmut Kautz will Kloster neu beleben

© KG Brück

Zum Abschied überreichte Jan Schneider vom CVJM Region Bad Belzig Helmut Kautz im Namen der Jugendlichen ein Kilo Röstzwiebeln.

 

Eine christliche Gemeinschaft gründen, in einer Gegend, die nicht nur dünn besiedelt ist, sondern in der auch nur sehr wenige Menschen an Gott glauben. Eine unmögliche Aufgabe? Nicht für Pfarrer Helmut Kautz. Vor Kurzem zog er mit seiner Familie ins Evangelische Klosterstift Marienfließ in der Prignitz, einem früheren Zisterzienserkloster. Der 49-Jährige hat dafür nicht nur seine Pfarrgemeinde in Brück verlassen, sondern auch den Vorsitz des CVJM Region Bad Belzig abgegeben. Für das Interview erreichen wir ihn auf dem Handy, als er gerade mit einem Zug aus Pferdegespannen unterwegs ist. 2025 will er mit dem Friedenstreck eine Glocke nach Jerusalem transportieren. Woher der Pfarrer seine Energie nimmt, was er über den CVJM denkt und warum er zum Abschied ein Kilo Röstzwiebeln geschenkt bekommen hat, erzählt er im Gespräch.

 

Helmut, Du bist mit deiner Familie in ein ehemaliges Kloster gezogen. Was passiert dort gerade?
Die Idee ist, dass wir dort in einer Gemeinschaft leben: Pfarrer, Mitarbeiter und ganz normale Leute, die nicht bei der Kirche arbeiten. Das muss man sich so vorstellen, dass Leute bei uns auf dem Gelände wohnen und wir wenigstens einmal am Tag zusammen beten. Das heißt, jeder geht seiner Arbeit nach und wir gucken, wie viel Kraft und Gaben wir haben, um gemeinsam der Prignitz und den Menschen dort zu dienen.
 
Wer dich googelt, findet viele Einträge. Du bist jemand, der auch weit über die Grenzen deiner Pfarrgemeinde hinaus bekannt ist. Warum zieht es dich jetzt in die Prignitz, eine sehr dünn besiedelte, sehr ländliche Region?
Wir haben uns gefragt: Wie kann Kirche auf dem Land funktionieren? In der Prignitz haben wir eine exemplarische Situation: Die Abstände zwischen den einzelnen Pfarrern vergrößern sich immer mehr. Und es gibt das Problem der Einsamkeit. Wenn eine alleinstehende Pfarrerin direkt nach dem Studium ein riesiges Pfarrgebiet in der Prignitz erhält, da verstehe ich, dass die zurück nach Berlin möchte. Deswegen möchten wir jetzt durch das Leben in einer Gemeinschaft andere Möglichkeiten eröffnen.
 
Du hast den CVJM in der Region Bad Belzig mitbegründet. Fiel es dir eigentlich schwer, deine Gemeinde und den CVJM zu verlassen?
Ja, sehr. Es war schon schwer, die Verantwortung für die Mitarbeiter und alles, was dort gewachsen ist, abzugeben. Außerdem mussten wir organisieren, dass es im CVJM einen neuen Vorsitzenden gibt und dass auch die Mitarbeiter zufrieden sind. Ich habe in dieser Zeit noch einmal gemerkt, wie viel Segen wir erlebt haben und was wir für eine tolle Mannschaft wir da haben.
 
Welche Erinnerungen an den CVJM nimmst du mit?
Was mich zufrieden gemacht hat, war, wenn Menschen mir gesagt haben: „Du hast mich geistlich und menschlich geprägt. Wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre ich nicht hier.“ Wenn einer durch unseren Dienst weitergekommen ist, dann hat es sich schon gelohnt.
 
Was leistet der CVJM deiner Meinung nach, was die Kirche nicht kann?
CVJM kann Jugendarbeit. Man merkt, dass es eine Organisation ist, die schon seit über 160 Jahren darauf spezialisiert ist. Das kann der CVJM fokussierter tun als eine Kirchengemeinde. Wenn die Jugendarbeit dort keine Lobby hat, fällt sie hinten runter. In Brück war es so, dass der CVJM de facto die Jugendarbeit der Kirche gemacht hat. Außerdem hat sich gezeigt, dass man mit dem CVJM erheblich flexibler ist, weil keine kirchlichen Verwaltungsvorschriften da sind. Wenn ich einen Mitarbeiter für Jugendarbeit in der Gemeinde anstellen möchte, muss ich zwei Jahresgehälter in Rücklage haben. Als Verein kann ich alles, was ich habe, ausgeben. Der CVJM hat von uns außerdem gar keine Vorschriften bekommen. Ich habe einfach gesagt: „Macht!“
 
Es gibt einen Ausspruch über den Osten Deutschlands: Die Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Die Säkularisierung ist in der DDR-Zeit sehr weit fortgeschritten. Wie leicht ist es dir gefallen, mit Jugendlichen über Gott und Glaube ins Gespräch zu kommen?
Das fiel und fällt mir sehr leicht. Das ist meine Leidenschaft. Ich bin ziemlich offen zu sagen, dass ich Christ bin. Von einem Pfarrer erwartet man auch nicht, dass er einem Staubsauger verkauft, sondern dass man etwas von Jesus hört. Im Religionsunterricht musste ich um jeden einzelnen Schüler kämpfen, weil es in Brandenburg ein Wahlfach ist. Es gab Schnupperstunden, damit die Schüler sich das erst einmal angucken konnten. Viele hatten ja gar keine Ahnung, was Religion ist. In der Grundschule in Brück haben dann aber über 50 Prozent der Schüler Religion gewählt.
 
Wie lautet dein Rezept für christliche Kinder- und Jugendarbeit?
Ich frage immer: Wollt ihr Jugendarbeit? Wollt ihr Ärger? Wollt ihr Krach? Wenn sie das alles wollen, dann kann man das machen. Aber wenn die Jugendlichen nur formatiert werden sollen, funktioniert es nicht. In der Schule sollen sie parieren, zuhause auch. Du musst immer schauen, was wollen sie. Und du musst ein Thema finden, was sie interessiert.
 
An Ideen mangelt es dir nicht. In der Corona-Zeit hast du einen Autogottesdienst mit 200 Menschen organisiert und vor kurzem Flackgranathülsen einschmelzen lassen, um eine Friedensglocke daraus zu gießen. Und nicht zu vergessen: Du bist Vater von vier Kindern. Woher nimmst du all deine Energie?
Mein Prinzip ist: Wer viel macht, kann auch noch mehr machen, weil er sich offenbar gut organisieren kann. Wenn du Dinge aus Überzeugung machst, dann bringt dich das immer voran. Außerdem denke ich erfolgsorientiert. Was nicht klappt, das lassen wir. Wir reiten keine toten Pferde, sondern steigen ab. Und ich frage mich natürlich: Wo sind die Spuren schon von Gott gelegt? Bevor wir nach Marienfließ gezogen sind, habe ich zum Beispiel von einem Brunnen geträumt, aus dem wieder Wasser fließen soll. Dann haben wir uns das Gelände hier angeschaut, und ich habe hier den Brunnen so vorgefunden wie in meinem Traum. Wenn der Herr so spricht, dann sollte man schon tun, was er sagt.
 
Jugendliche aus dem CVJM haben dir zum Abschied ein Kilo Röstzwiebeln geschenkt. Das musst du mal erklären.
(Lacht) Weil ich Becherweise Röstzwiebeln esse und sie so mag. Damit ich endlich mal genug bekomme, haben sie mir das geschenkt. Sie liegen noch zuhause. Wenn ich am Sonntag nach Hause komme, werde ich mir vielleicht einen Becher genehmigen.
 
Interview: Sabrina Becker