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Wie sich Corona auf die Offene Tür-Arbeit des CVJM auswirkt

Im Lockdown konnten CVJM-Jugendhäuser nur für wenige Kinder öffnen. Jugendliche ab 14 Jahren mussten draußen bleiben. Über Offene Tür-Arbeit in Pandemiezeiten

 

Laurina Affeld (29), Leiterin des Jugendhauses in Seelow

 

„Die Probleme bleiben. Nur fallen jetzt die Orte weg“

Die gesellschaftliche Schere, die bereits existiert, geht durch Corona meiner Meinung nach weiter auseinander. Denn Kinder und Jugendliche aus prekärem Milieu, die von zuhause aus wenig Regeln und Strukturen gewohnt sind, haben es in dieser Zeit noch einmal schwerer. Wir merken gerade, dass die Situation in den sozial benachteiligten Familien deutlich angespannter ist. Sie wohnen auf sehr beengtem Raum und sind gerade viel zuhause. Da ist Stress vorprogrammiert. Zum Beispiel beim Thema Homeschooling: Wenn es mehrere Kinder sind, die alle einen Computer brauchen, um ihre Schulaufgaben zu machen, es aber nicht für jedes Kind einen eigenen gibt.


Was unsere Beziehungsarbeit betrifft, kommt Corona einer Katastrophe gleich. Wir haben während des Lockdowns sehr viel Streetwork gemacht, also Kinder und Jugendliche draußen aufgesucht. Die aufsuchende Arbeit ist gerade das einzige Mittel, das uns bleibt, um an die Jugendlichen heranzukommen. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch wirklich alle treffen, die sonst zu uns ins Jugendhaus gekommen sind, weil sie vielleicht noch einen Ort weiterwohnen oder weil die Eltern es verbieten rauszugehen. Online-Angebote machen wir natürlich auch. Doch am Ende ersetzt alles Digitale, selbst wenn ich mich 1:1 mit jemandem im Video-Chat verabrede, nicht das persönliche Gespräch Face-to-Face, in dem eine Vertrauensbasis entstehen kann. Dass der Freund Schluss gemacht hat, das würde mir eine Jugendliche niemals vor dem Bildschirm zuhause erzählen, wo noch die Eltern und das Geschwisterkind lauschen könnten.

 

Was ich wirklich dramatisch finde: Die Probleme der Jugendlichen werden ja nicht weniger, nur weil gerade eine Pandemie das Leben lähmt. Die Probleme bleiben. Nur fallen jetzt die Orte weg, an denen sich Jugendliche austauschen können oder sie eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter herausfordert, über das eigene Leben nachzudenken. Gerade gibt es niemanden, der fragt: »Findest du es sinnvoll, mit 12 Jahren schon zu rauchen oder Alkohol zu trinken?«

 

 

 

Marie »Mia« Brandt (24), Jugendreferentin im CVJM Kaulsdorf

 

„Das Lernen alleine zuhause überfordert“

Wir merken gerade, dass viele Grundschüler dem Schulstoff hinterherhinken. Sie fühlen sich durch das Lernen alleine zuhause überfordert und spüren einen großen Druck. Es gibt auch Kinder, die klar geäußert haben, dass sie den Stoff alleine nicht schaffen und zuhause keine Hilfe beim Lernen erhalten. In der WandelBAR haben wir deshalb während des Lockdowns vor allem Hausaufgabenhilfe angeboten. Wir konnten auch nur kleine Gruppen mit Kindern unter 14 Jahren bei uns begrüßen – natürlich mit Abstand und Maske.


Sicher sind die älteren Jugendlichen traurig, dass sie nicht in die Wandelbar kommen und auch, dass sie ihre Freunde hier nicht treffen können. Aber wir sehen uns online, spielen und quatschen miteinander. Zu vielen haben wir schon vor Corona eine sehr gute Bindung aufgebaut, so dass diese Zeit sich weniger auf unsere Beziehung zu ihnen auswirken wird. Wir denken, sie macht eher etwas mit den Kindern und Jugendlichen selbst. Vermutlich werden sie danach nicht mehr so unbeschwert sein.

 

 

 

Norman Rossius (39), Leiter des CVJM-Jugendzentrums Frankfurt (Oder)

 

„Die haben kein Bock auf Digitales“

Unsere Teilnehmerzahlen sind vor Weihnachten drastisch eingebrochen. Nur noch ein Viertel der Teilnehmenden kam Anfang des Jahres in unser CVJM-Jugendzentrum. Es liegt weniger an den Regeln, die während des Lockdowns galten, sondern daran, dass die Ängste bei den Familien größer geworden sind. Eltern, die im Gesundheits- oder im Pflegebereich arbeiten oder Familien, zu deren Haushalt auch noch Oma und Opa gehören, schotten sich mehr ab.

 

Zu uns kommen Kinder und Jugendliche aus der klassischen Mittelschicht. Oft gehen beide Eltern arbeiten, und die Familien stehen im Gegensatz zu anderen finanziell ganz gut da. Die Jugendlichen, die sich bei uns ehrenamtlich engagieren und die während des Lockdowns zu Einzelberatungen herkommen durften, fühlen sich nicht eingeschränkt oder vernachlässigt. Es hat keiner eine Riesenkrise oder ist depressiv. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie sich vielmehr an diese Situation gewöhnt haben. Im ersten Lockdown fanden sie noch alles doof und haben sich tierisch gelangweilt. Jetzt macht sich eher eine gewisse Lethargie breit: »Wir kennen es ja schon.« Aber natürlich wünschen sie sich Kontakte und ein Miteinander. Und zwar in der echten Welt. Die meisten Jugendlichen können sich sehr schwer für digitale Formen der Jugendarbeit begeistern. Die haben einfach keinen Bock auf Digitales. Deshalb war ich im vergangenen Sommer auch gleich fünfmal mit Jugendlichen an der Ostsee. Ich habe alles möglich gemacht, um mit ihnen rauszukommen.

 

Die Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen, die schon vor Corona zu uns gekommen sind, sind eher noch gewachsen. Ich denke, sie nehmen die Sachen, die wir für sie machen, jetzt viel dankbarer an. Ich habe zum Beispiel noch nie so viele persönliche Weihnachtspräsente und Karten von Familien wie dieses Weihnachten erhalten.

 

 

Anita Schneider (36), Jugendreferentin im CVJM Region Bad Belzig

 

„Im Sommer mussten wir von vorne anfangen“

Dass die Corona-ZeitJugendliche nachhaltig prägen wird, ist für mich klar. Dieses vorsichtige Umgehen mit allem – Abstand halten, Maske tragen und dass das Thema »Gesundheit« über allem steht – das hat eine starke Wirkung. Es macht Angst und nimmt die Sicherheit, die vorher gegeben war. Auch in unserer Jugendarbeit spüren wir die Folgen von Corona: Bei einigen Gruppen, die wir neu aufgebaut hatten, gestaltete es schwierig, durch die Einschränkungen während des ersten Lockdowns den Kontakt aufrecht zu erhalten. Im Sommer mussten wir deshalb von vorne anfangen – und nun im zweiten Lockdown fiel wieder alles weg. Bei anderen Gruppen, die wir schon Jahre lang begleiten, ist die Beziehung zu den Jugendlichen hingegen sehr gut. Sie haben uns auch öfter während der Schließzeit vor dem Jugendladen besucht, um uns »Hallo« zu sagen. Da fiel es uns schon schwer, sie immer wieder zu vertrösten, weil sie reinkommen wollten.

 

Während der Corona-Zeit haben wir vieles online für Jugendliche angeboten wie zum Beispiel digitale Spiele, Krimidinner oder Online-Kochkurse. Vor Weihnachten haben wir so gemeinsam Bratapfel zubereitet. Wenn es um Atmosphäre und Gemeinschaft geht, finde ich es trotzdem besser, wenn man sich persönlich trifft. Außerdem stellen wir fest, dass die Jugendlichen weniger Lust auf Online-Angebote haben, wenn sie bereits durch das Homeschooling viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen müssen.

 

 

Berlin, 22. März 2021