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Einmal Iran und zurück

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Kein Ort für Touristen: Simon Müller reiste trotzdem durch Iran. Seine Reise in den Nahen Osten hat ihn geprägt.

 

Bis nach Indien wollte er trampen: Simon Müller (33) kündigte Ende 2019 seinen Job beim CVJM, um auf Weltreise zu gehen. Dann kam die Pandemie und durch- kreuzte seine Pläne. Er strandete im Iran – und lebte dort neuneinhalb Monate. Über große Gastfreund- schaft, eine Nacht im Gefängnis und warum er so weit reisen musste, um mehr über sich selbst zu erfahren.

 

Als er im Iran ankommt, vergisst er zu essen und zu trinken – fast einen ganzen Tag lang. Der erste Eindruck von Land und Leuten überwältigt ihn: »Die Autos überholen von links und rechts. Man isst auf dem Boden, liest Bücher von hinten nach vorn. Die Mu- sik, die Schrift, die Toiletten: Alles ist anders als in Deutschland.« Simon ist zunächst skeptisch, ob die Iraner ihn als Deutschen freundlich empfangen. Doch gleich am ersten Tag erlebt er et- was, womit er so nicht gerechnet hat: Auf der Straße sprechen ihn Fremde an, fragen, woher er kommt, ob sie ihn zu sich einladen dürfen. Ein Mann in einem Fotoladen habe ihm seine Nummer aufgeschrieben – mit dem Ange- bot, ihn jederzeit anzurufen, wenn er Hilfe benötige. »Das ist mir nachher ständig passiert: Dass Fremde mir ihre Nummer gegeben haben. Überhaupt ist mir eine unglaubliche Freundlichkeit entgegengebracht worden.«

 

Iran ist für die meisten Deutschen ein fernes, unergründliches Land. International steht es unter anderem für seine politischen Gefangenen, die Todesstrafe, massive Repressionen gegen die eigene Bevölkerung und seine Atompolitik in der Kritik. Abseits davon gebe es aber noch ein anderes Bild, sagt Simon Müller. Darin stünde nicht das politische Regime im Mittelpunkt. Zu sehen sei ein Land, in dem Menschen neugierig auf Ausländer und deren Kulturen seien. Und das wenige, das sie besäßen,
gern mit Fremden teilten. Zu sehen sei ein Land, das über lange Traditionen in Kunsthandwerk, Architektur, Musik, Kalligraphie und Poesie verfügt. Über dieses Bild von Iran wisse die westliche Welt zu wenig, findet Simon. Wie auch? Iran ist kein touristisches Reiseziel, in dem urlaubswillige Europäer ausspannen. Andere Touristen trifft der Deutsche auf seiner Reise fast keine. Lange aufhalten will er sich im Iran zunächst aber auch nicht. Es soll nur ein Zwischenstopp auf seiner Route sein.

 

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Per Anhalter bis nach Indien

Der Plan zur Weltreise reift in ihm bereits vor über zwei Jahren. Im Herbst 2018 trampt Simon Müller nach Istanbul und lernt dort mehrere Inder kennen, die ihm von ihrer Heimat vorschwärmen. Wieder zuhause fasst der damalige Jugendreferent des CVJM Wittstock einen Entschluss: Er will nach Indien reisen, über Iran und Pakistan. Mit dem Rucksack und per Anhalter, um die Umwelt und sein Portemonnaie zu schonen. »Es gab Leute, die meine Pläne gar nicht gut fanden, weil damit verbunden war, dass ich aus Wittstock weggehen würde. Aber ich brauchte zu der Zeit einfach einen Neuanfang.« Ende 2019 kündigt Simon seinen Job, in dem er sechs Jahre gearbeitet hat. Um sich auf die Reise vorzubereiten, recherchiert er im Internet. Was er unterwegs benötigt, wie er beim Gepäck möglichst viel Gewicht spart, welche Sätze er im jeweiligen Reiseland parat haben sollte, wo er couchsurfen kann. Und, und, und. Was er zum Zeitpunkt der Abreise jedoch kaum vorhersehen kann, ist, dass ein Virus seine Reisepläne bald zerstören würde.

 

Im Frühjahr 2020 gehört der Iran zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Staaten auf der ganzen Welt. Als die Grenzen zum Nachbarland Pakistan geschlossen werden, befindet sich Simon gerade im Süden des Landes. Wie er die Ankunft der Pandemie im Iran erlebt hat? »Es gab alle Extreme: Manche Leute gingen nicht mehr vor die Tür, anderen war es komplett egal.« Einmal habe er erlebt, wie die Feuerwehr in einem kleineren Ort anrückte, ihre Schläuche ausrollte, um Straßen und Läden mit Desinfektionsmittel zu bespritzen. Corona zwingt Simon seine Reisepläne zu überdenken: Aus einer geplanten Aufenthaltszeit im Iran von 30 Tagen werden Monate. In dieser Zeit besteigt er einen Vulkan, schläft nachts in Parks oder bei wildfremden Menschen auf der Couch, lernt Persisch, arbeitet für ein paar Wochen bei einer Nichtregierungsorganisation in der Hauptstadt Teheran – und wird in einer der ärmsten Regionen des Irans, in Belutschistan, verhaftet.

 

Eine Nacht in einem iranischen Gefängnis: Das sei doch eine gute Story, oder?, fragt ihn der Polizist, bevor er die Zelle zusperrt. Kein Bett, kein Tisch, kein Klo. Nur Decken auf dem blanken Boden. Er habe lachen müssen, erzählt Simon Müller, weil es sich so sonderbar angefühlt habe: »Wir haben doch gar nichts gemacht.« Mit anderen Europäern, die er in einem Hostel kennengelernt habe, sei er an einem Abend über den Basar gelaufen – darunter einer in kurzen Hosen. »Im Iran ist das verboten. Das war der Auslöser dafür, dass uns zwei Zivilpolizisten gefolgt sind.« In Handschellen wird die Gruppe am nächsten Morgen dem Richter vorgeführt. Der Vorwurf: Spionage. Ein bisschen wie im Film, erinnert sich Simon. Doch der Richter habe sich dann entschuldigt und ihnen seine Telefonnummer gegeben – falls sie einmal Hilfe bräuchten.

 

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Einheimische sprechen den Deutschen häufig an und laden ihn zu sich ein: „Ich war ein VIP, nur weil ich Deutscher bin“, sagt Simon Müller.

 

»Ich Christ. Du Moslem.«

Es gibt viele Regeln im Iran, an dessen Spitze schiitische Geistliche stehen und der als islamische Republik das gesamte Leben auf den Glauben hin auslegt. Kirchen gebe es zwar, aber meist hinter hohen Mauern, sagt Simon. Wer als Moslem geboren ist, dürfe keine Kirche betreten. Darauf würden die Kirchenbesitzer, meist armenische Christen, sehr achten, um Konflikte mit der Regierung zu vermeiden. Dass er an einen christlichen Gott glaubt, habe er in Gesprächen mit Iranern offen äußern können. »Es ist mir selten passiert, dass jemand mit mir über meine Religion diskutieren wollte. Bei den allermeisten war es so: Ich Christ. Du Moslem. Gar kein Problem.« Überhaupt erlebt er die Einheimischen als sehr offen. Die Iraner fühlten sich den Deutschen sehr verbunden. »Ich war ein VIP, nur weil ich Deutscher bin«, sagt Simon Müller und erzählt, wie Polizisten Selfies mit ihm machten. Er bezeichnet dieses Phänomen als »umgedrehten Rassismus«: »Wenn Iraner Menschen aus dem Westen sehen, schauen sie zu ihnen auf.«

 

Die Gastfreundschaft der Iraner will Simon aber nicht nur darauf reduziert wissen. Gäste würden als von Gott gesandt betrachtet und deshalb herzlich willkommen geheißen. Einmal sei er mit Bekannten zu deren Freundin gefahren, eine für ihn fremde Frau. Sie reden, feiern und essen gemeinsam – bis in die Nacht. Und es ist gar kein Problem, dass alle unangekündigt dort übernachten. »Die Leute sind viel flexibler, viel spontaner als Deutsche.« Ein bisschen möchte er diese Haltung nach seiner Rückkehr konservieren. »Dort wusste ich häufig nicht, was am nächsten Tag passiert, wo ich übernachte. Ich habe das genossen.«

 

Im November muss der Deutsche ausreisen. Dieses Mal mit dem Flugzeug. »Ein Traum geht zu Ende«, schreibt Simon auf Instagram, nachdem die iranischen Behörden abgelehnt haben, sein Visum ein weiteres Mal zu verlängern. Ob der Aufenthalt im Iran ihn verändert habe? »Ja. Ich habe dort angefangen von dem Zwang zu heilen, alles richtig und es allen recht machen zu müssen. Außerdem bin selbstsicherer geworden und lerne seitdem, meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen und anderen gegenüber mitzuteilen.« Demnächst wird er umziehen, um eine Weiterbildung zum individual-psychologischen Coach zu beginnen. Am liebsten würde er aber sofort wieder wegreisen – zurück zu den Menschen im Iran.

Sabrina Becker

 

Zuerst erschienen:

CVJM Magazin für das CVJM-Ostwerk, Ausgabe 3/21

 

19.4.2021