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Plötzlich Vertrauensperson

Warum ein Freiwilligendienst im CVJM das Leben bereichern und verändern kann: Ehemalige Freiwillige und eine Anleiterin schildern ihre Sicht.

 

Yannik März (21)
• Seelow / Brandenburg
• macht eine Ausbildung zum Erzieher im CVJM Oderbruch • absolvierte zuvor ein FSJ im Jugendhaus Seelow

 

Eigentlich war mein Freiwilligendienst beim CVJM Oderbruch nur eine Notlösung. Ich wollte Soziale Arbeit studieren, bin dann aber durch das Abitur gefallen. Um das Fachabitur zu erhalten, brauchte ich ein praktisches Jahr. Deswegen ent- schied ich mich für ein FSJ. Den CVJM kannte ich, weil ich seit 2014 ehrenamtlich dort mitgearbeitet habe. An meinem ersten Arbeitstag als FSJler stand ich am Tresen im Jugendhaus See- low, als ein Junge kam und mir seine Sorgen anvertraute. Das hat mir gezeigt: Ich bin hier nicht nur der FSJler, sondern eine Vertrauensperson. Durch meinen Freiwilligendienst hat sich auch mein Glaube verändert: Im Osten Brandenburgs gibt es nicht viele Leute, die an Gott glauben. Deswegen ist es gut, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Ich habe mit wenigen Erwartungen im CVJM angefangen und wurde dann überrascht: von der Gemeinschaft unter uns Kolleginnen und Kollegen, von unserem Austausch, den Beziehungen, die ich zu den Kindern und Jugendlichen aufgebaut habe. Letztlich dachte ich mir, es wäre so schade, wenn ich all das wieder verliere. Deswegen habe ich eine Ausbildung zum Erzieher beim CVJM angeschlossen. Einen Freiwilligendienst hier zu machen war also das Beste, was mir passieren konnte. Denn sonst wäre jetzt nicht dort, wo ich bin.

 

Laura Fritz (25)
• Dresden, Sachsen
• absolviert ihr Referendariat als Gymnasiallehrerin für Mathe und Politik • 2014/2015 machte sie ihr FSJ beim CVJM-Ostwerk

 

Für mich war das FSJ eine super Möglichkeit, um einen komfortablen Einstieg ins Erwachsenenleben zu erleben. Beim Studium muss man sich selbst organisieren wie zum Beispiel eine eigene Wohnung finden. Mit vielen Themen, die plötzlich aufkommen, muss man sich eigenständig auseinander- setzen. Beim FSJ wirst du angeleitet, selbstständig zu sein: Du hast dein eigenes Geld, musst haushalten, und doch bist du nicht völlig auf dich allein gestellt. Das Ostwerk stellte uns beispielsweise die Wohnung, so dass wir nicht erst auf lang- wierige Suche im Berliner Wohnungsmarkt gehen mussten. Als ich dann studiert habe, fand ich, dass die Leute, die ihr Jahr nach der Schule für ein Auslandsjahr oder einen Frei- willigendienst genutzt hatten, denen gegenüber im Vorteil waren, die direkt von der Schule gekommen waren. Sie konnten sich sehr gut organisieren, hatten klarere Vorstellungen. So ging es mir übrigens auch: Der Wunsch, Lehrerin zu werden, war schon vor meinem FSJ da. Aber dass ich lieber am Gymnasium unterrichten möchte und nicht an der Grundschule, das stellte sich erst während meines FSJs heraus. Und wenn ich heute eine Unterrichtsstunde plane, helfen mir dabei immer auch die Erfahrungen, die ich beim CVJM gesammelt habe.

 

 

Sascha Hartwig (43)
• Groß Kreutz / Brandenburg • leistete seinen Zivildienst 1998/99 beim CVJM Berlin
• arbeitet heute als pädagogischer Mitarbeiter in der Perspektivfabrik

 

Der Zivildienst beim CVJM hat mein Leben radikal verändert. Während dieser Zeit habe ich meine Frau kennengelernt, die auch im CVJM unterwegs war. Wir haben uns damals auf einer Kinderfreizeit kennengelernt, auf die ich mit Kindern aus dem Jugendhaus »Baracke« gefahren bin. Dort habe ich meinen Zivildienst geleistet und schnell gemerkt, dass ich für die Kinder ein Herz habe. Ich bin selbst in Berlin-Reinickendorf aufgewachsen und weiß, aus welch schwierigen familiären Verhältnissen viele Kinder dort stammen – mit Eltern, die ihnen sagen: »Du bist ein Looser!« Ich wollte ihnen vermitteln: »Du kannst etwas! Du bist geliebt!« Deswegen habe ich entschieden, mich im Anschluss an meinen Zivil- dienst am CVJM Kolleg in Kassel zu bewerben, obwohl ich bereits zuvor eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen hatte. Der Zivildienst war wie ein Break in meinem Leben und hat mir neue Möglichkeiten eröffnet. Ich habe gesehen, dass die Welt viel größer ist.

 

 

Petra Lampe (39)

• leitet Freiwillige im CVJM-Ostwerk an

Freiwilligendienst ist nicht nur der Dienst am anderen Menschen. Wir stellen uns in den Dienst von Gottes Handeln in dieser Welt. Und wenn ich »wir« schreibe, meine ich nicht nur die Freiwilligendienstleistenden in unseren Ortsvereinen, sondern auch uns als gesamte Organisation, Administration und Anleitung. Das ist etwas, was ich mir als Anleiterin immer wieder vor Augen führen möchte.

Für mich bedeutet das, dass es in der Begleitung von Freiwilligen auch Raum und Zeit für das gemeinsame geistliche Leben geben muss, bei dem wir zusammen auf Gott hören. Denn wenn das freiwillige Handeln als Reaktion auf die liebevolle göttliche Zuwendung hin zum Menschen verstanden wird, brauchen wir diese Begegnung für unseren Dienst. Als Anleitende heißt das aber auch, dass ich
nicht alleine bin in der Begleitung der Freiwilligen. Das ist für mich gerade in den herausfordernden Zeiten wie einer Pandemie wichtig.

Im Gespräch mit zukünftigen Freiwilligendienstleistenden sprechen wir oft von »deinem Jahr für Gott« und ich habe manchmal den Eindruck, dass Freiwillige denken, sie müssten sich entscheiden, ob sie dieses Jahr für sich machen, um in ihrem Glauben zu wachsen, um ihre Begabungen kennenzulernen, mehr Zeit für sich und Gott zu haben oder ob sie es für Kinder und Jugendliche machen, für mehr soziale Gerechtigkeit und als Hilfe und Unterstützung für andere Menschen. Dabei verhält es sich doch so: Ich kann einen Freiwilligendienst machen, um soziale Verantwortung wahrzunehmen und Gott dabei außen vor lassen. Wenn ich mich aber ganz in die Beziehung mit Gott hineingebe, mich von ihm frei machen lasse, dann füllt sich mein Herz ganz neu mit dem freien Willen zum Engagement. Ich entwickle das selbstverständliche Bedürfnis meine Zeit zu opfern für das, was Gott mir aufs Herz legt. Bei mir ist das dann eben nicht das Freiwillige Soziale Jahr, sondern die Bereitschaft, die Freiwilligen zu begleiten. Ansprechbar zu sein, auch außerhalb der Dienstzeit, Gemeinschaft zu haben, Fragen und Zweifel zu teilen, Zeugnis zu geben und mich jedes Jahr wieder gemeinsam mit neuen Menschen für ein weiteres Jahr mit Gott zu entscheiden.

 

20. Juli 2021, aufgezeichnet von Sabrina Becker, CVJM-Ostwerk

Der Beitrag erschien zuerst im CVJM Magazin für das CVJM-Ostwerk, Ausgabe 3/21.

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