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„Keine große Heldentat“

CVJM Berlin bringt 3,5 Tonnen Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze

 

Ein Team aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden des CVJM Berlin organisierte die Hilfsaktion und sammelte Spenden im Wert von zehntausend Euro.

 

Der CVJM Berlin hat am Montag Spenden im Wert von zehntausend Euro an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter und zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen fuhren mit zwei Kleinbussen zur polnischen Stadt Przemyśl, wo sie die Hilfsgüter übergaben. Stephan Trojanowski, der das CVJM-Jugendhaus Trinity in Berlin-Marzahn leitet, erzählt, wie sie das Sammeln und Packen der 3,5 Tonnen Hilfsgüter meisterten und wie ihnen ein ukrainischer CVJMer half, die Übergabe der Spenden in Polen zu organisieren.
 
Stephan, der CVJM Berlin hat nicht nur Geldspenden für die Menschen in der Ukraine gesammelt, sondern auch an drei Tagen zu Sachspenden aufgerufen. Auf welchen Wegen habt ihr diesen Aufruf gestreut?
Das haben wir tatsächlich auf ganz unterschiedlichen Wegen getan: online auf unserer Website, über Social Media und auch über WhatsApp Broadcast-Nachrichten. Außerdem haben Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche aus dem CVJM Berlin auf ihrer Arbeit, in der Kita ihrer Kinder oder in ihrer Nachbarschaft von unserer Aktion erzählt. Wir sind auch auf Apotheken und Supermärkte zugegangen. Das war allerdings weniger erfolgreich, als wir uns erhofft hatten. Es gibt sehr viele Initiativen und Organisationen, die aktuell Spenden sammeln – was ja was auch etwas Wunderbares ist.
 
Gesammelt und eingekauft habt ihr zum Beispiel haltbare Lebensmittel, Babynahrung, Hygieneartikel, aber auch Generatoren, Powerbanks sowie Batterien und Medizin. Woher wusstet ihr, welche Medikamente gerade in der Ukraine gebraucht werden?
Marta, eine Ukrainerin, die im YMCA Ukraine und im YMCA Europe sehr engagiert ist, war zufällig in Berlin. Wenige Stunden, bevor die russische Invasion begann, ist sie hierher gereist. Sie hat direkt Kontakt mit dem YMCA Ukraine aufgenommen und uns daraufhin eine Liste erstellt. Außerdem hat die Weltgesundheitsorganisation eine Liste bereitgestellt. Natürlich werden gerade Medikamente gebraucht, um Verwundete zu verarzten. Aber es fehlt auch an allen anderen Medikamenten – vom Herzmedikament bis hin zur Medizin gegen starke Kopfschmerzen.
 
Die vielen Hilfsgüter in Kartons zu packen stellte eine Herausforderung dar. Warum?
Jedes Paket musste für den Transport auf Deutsch, Polnisch und Ukrainisch beschriftet werden, damit die Leute vor Ort wissen, was drin ist. Für den Grenzübertritt in die Ukraine musste darüber hinaus ersichtlich sein, dass es sich um Hilfsgüter handelt. Die Ukraine hat momentan viele Vorschriften ausgesetzt, so dass wir für unsere Hilfslieferung nur ein Formblatt ausfüllen mussten. Dazu haben wir eine Packliste in den genannten Sprachen erstellt von allen Sachen, die wir dabei hatten.

 
Wie viele Leute hat es gebraucht, um diese Aktion zu organisieren?
Das war unterschiedlich, weil die Aktion über mehrere Tage lief. Am Montag, also am Abreisetag, waren wir zwölf Leute. An den Tagen zuvor waren meistens immer vier Personen im CVJM-Haus in Berlin-Schöneberg, um die Spenden anzunehmen und schon einmal vorzusortieren.

 

«Insgesamt, schätze ich, haben wir 3,5 Tonnen Hilfsgüter transportiert.»


Wie viele Kilos habt ihr verladen?
Insgesamt, schätze ich, haben wir 3,5 Tonnen Hilfsgüter transportiert. Wir sind mit unseren beiden CVJM-Bussen gefahren und haben die beiden Anhänger von unserem Spielemobil, dem Bollerwagen, mitgenommen.
 
Wie ist bei euch der Wunsch entstanden, selbst Hilfsgüter zu fahren?
Mein Kollege Niklas erzählte mir, dass er gehört habe, dass man selbst zur Grenze fahren könne. Daraufhin haben wir uns konkret gefragt, was wir hinkriegen, weil wir ja in unseren Jugendhäusern nicht alles stehen und liegen lassen können. Dann haben wir es mit unserem Vorstand abgesprochen – und so wurde es zu einer CVJM-Aktion. Die Hilfsaktion haben wir nach unserer Arbeit in den Jugendhäusern ehrenamtlich organisiert.
 
Was haben die Kinder und Jugendliche in euren Jugendhäusern zu eurer Hilfsaktion gesagt?
Drei Jugendliche haben mich konkret gefragt: „Können wir mitkommen und helfen?“ Das musste ich leider verneinen, da sie noch nicht volljährig sind. Und hinzukam: Wir wussten ja gar nicht, was wir sehen – und ob wir vielleicht doch in die Ukraine hineinfahren müssen, um die Hilfsgüter zu übergeben.
 
Der CVJM Deutschland hat Ortsvereine darum gebeten, nicht unvorbereitet zur Grenze zu fahren. Hilfsaktionen müssten gut koordiniert werden, damit die Hilfen gezielt dort ankommen, wo sie gebraucht würden. Was habt ihr diesbezüglich im Vorfeld unternommen?
Wir hatten – wie schon gesagt – mit Marta eine Kontaktperson direkt in Berlin. Sie ist mit vielen Menschen vernetzt, unter anderem mit Witalii, einem Vorstandsmitglied des YMCA Ukraine. Mit ihm haben wir tagesaktuell abgestimmt, welche Dinge gebraucht werden. Gleichzeitig haben wir vorher über ukrainische Freundinnen und Freunde Kontakte zur ukrainischen Szene in Berlin aufgebaut, die bereits schon begonnen hatte, für die Menschen in der Ukraine zu sammeln.

 

CVJM Berlin Bus Hilfsgüter Ukraine

Die Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze fuhren (v. li.n. re.):

Stephan Trojanowski, Anne Trojanowski, Niklas Kämper und Carolin Schultze

 

Am Montagabend seid ihr losgefahren. Wie war die Fahrt?
Das ging fantastisch gut. Die polnischen Autobahnen finde ich besser als die deutschen. Sie sind sehr gut beleuchtet, so dass wir sicher im Dunkeln fahren konnten.


Woher wusstet ihr, wo ihr die Hilfsgüter übergeben könnt?
Etwa 20 Minuten, bevor wir in der polnischen Stadt Przemyśl angekommen sind, hat uns Witalii, das Vorstandsmitglied aus dem YMCA Ukraine, eine Nachricht geschickt und uns so die genaue Adresse übermittelt. Wir sind dann zur Halle eines kleinen Versandhauses gefahren, das normalerweise Technikprodukte vertreibt. Dort hatte Witalii für uns Kontaktpersonen organisiert.

 

Mit wem habt ihr vor Ort geredet?
Wir haben uns mit einem Polen verständigt, der sehr gut Englisch sprach. Natürlich waren wir erst einmal auf der Sachebene unterwegs und haben versucht, die Übergabe zu klären. Am Ende hat er uns noch einen Kaffee angeboten. Dabei erzählte er uns, dass viele ukrainische Männer in seinem Betrieb arbeiten würde. Und dass sie nun zwischen den Stühlen säßen, weil sie einerseits helfen, aber auch nicht in die Ukraine einreisen wollten, weil sie sonst in den Krieg ziehen müssten.
 

«Bewegt hat mich, dass Menschen gesagt oder geschrieben haben, wir seien Helden, weil wir dorthin fahren. Wir haben es alle nicht so empfunden, als ob wir gerade eine große Heldentat vollbringen.»


Ihr wart insgesamt 26 Stunden unterwegs. Was ist während der Fahrt in dir vorgegangen?
Bewegt hat mich, dass Menschen gesagt oder geschrieben haben, wir seien Helden, weil wir dorthin fahren. Wir haben es alle nicht so empfunden, als ob wir gerade eine große Heldentat vollbringen. Uns war außerdem bewusst, dass wir an der Grenze keinen Krieg sehen werden. Die Tage zuvor, also die Sachen zu kaufen, zu schleppen und zu packen, fanden wir im Nachhinein viel anstrengender als den Weg zur Grenze. Das war nur Auto fahren.
 
Plant ihr weitere Hilfsgütertransporte?
Ich glaube, dass unsere Aktion gut war. Aber sie ist vergleichsweise teurer und für uns auch logistisch aufwendiger, als wenn große Hilfsorganisationen Spenden transportieren. Ich denke, dass wir eine ähnliche Aktion deshalb nicht noch einmal unternehmen. Aber wir werden weiterhelfen – ob wir eine Annahmestelle für Sachspenden oder einen Shuttleservice für Hilfsgüter von einem Lager zum anderen einrichten. Oder ob wir uns mit anderen CVJM vernetzen und dann einen ganzen LKW fahren – das würde ich gerade alles nicht ausschließen. Ich glaube, es braucht Leute – nicht nur bei dieser Aktion – die vorneweg gehen. Die zeigen, dass es möglich ist zu helfen, auch wenn es Unsicherheiten gibt.
 
Nachtrag: Der YMCA Ukraine hat die Hilfsgüter am Donnerstagmorgen in Empfang genommen.

10. März 2022, sb