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Marco Koppe im Gespräch

© Wolfgang Borrs/Tafel Deutschland e.V.

 

Marco Koppe ist seit vier Monaten neuer Vorsitzender des CVJM-Ostwerks. Wie er zum CVJM kam und warum er blieb, erklärt der 34-Jährige im Gespräch. Gleichzeitig spricht er über die Herausforderungen der christlichen Jugendarbeit in Berlin und Brandenburg. Auch wenn der CVJM gute Arbeit leiste, er dürfe sich nicht ausruhen, sagt Marco Koppe: „Wir dürfen es als CVJM nicht verpassen, uns zu verändern, Inhalte und Strukturen anzupassen.“

 

Marco, sehr vielen Menschen im CVJM bist du bekannt. Was sollten diejenigen über dich wissen, die dich noch nicht kennen?
Ich bin grundsätzlich eher ein extrovertierter Mensch. Gerne immer gut gelaunt,
was nicht immer funktioniert (lacht). Hab total Freude im CVJM und Freude mit Menschen zu arbeiten.

 

Du sagst, du bist erst durch den CVJM zum Glauben gekommen.
Ich bin in einem nicht-christlichen Elternhaus groß geworden – was für mich vollkommen in Ordnung war. Im CVJM bin ich zum ersten Mal mit dem christlichen
Glauben in Kontakt gekommen, ohne dass er mir übergestülpt wurde.

 

Was hast du denn vorher über Gott und Glaube gedacht?
Ich hatte gar keine Meinung dazu. Natürlich kannte ich den christlichen Glauben
– aus der Schule, der Geschichte, aus den Medien. Aber meine ganze Familie hatte damit nichts zu tun. Weihnachten – das war ein Fest der Familie, an dem es Geschenke gab. Erst im CVJM und in meiner Pubertät habe ich mir Gedanken gemacht. Ich war 16. Da stellt man sich eben bedeutende Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Wo will ich
eigentlich hin? Viele Antworten hat mir der CVJM aus christlicher Perspektive
gegeben. Das war natürlich alles fremd, aber ich musste und wollte mich damit
auseinandersetzen. Ich habe dann mehr und mehr für mich erkannt: Dieser Jesus, über den die da sprechen, war eigentlich ein ganz cooler Typ. Irgendwann habe ich dann begonnen, die Bibel zu lesen und mit Leuten über den Glauben ins Gespräch zu kommen.

 

Was hat deine Mutter gesagt, als du mit der Bibel um die Ecke kamst?
(lacht) Die fand das merkwürdig. Für sie ist der CVJM ein zweischneidiges Schwert. Als mein Bruder und ich Abitur gemacht haben, haben wir viel Zeit im CVJM verbracht. Das hat sie nicht so gerne gesehen, weil Schule natürlich wichtiger war als die Freizeitgestaltung. Und dann wollte ich auch noch Theologie studieren. Meine Eltern haben mir aber freie Hand gelassen, weil es mich glücklich gemacht hat. Ich habe mich 2006 taufen lassen, und sie sind als Überraschung angereist. Sie wussten, mir war es wichtig. Das war sehr bewegend. Im letzten November bist du mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden des CVJM-Ostwerk gewählt worden. Du warst schon vorher Mitglied des Vorstandes.

 

Warum jetzt dieser Schritt?
Ich war im Gespräch mit meinem Vorgänger Johannes Leicht. Er hat mir signalisiert, dass er gern Verantwortung abgeben möchte, um sich mehr in seiner Gemeinde zu engagieren. Vorher hatte ich ihm gesagt, dass ich eine Ungeduld in mir spüre und dass ich meine Fähigkeiten noch mehr im Vorstand einbringen möchte. Es hat also einfach
gepasst.

 

Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden: Die Delegiertenversammlung des CVJM-Ostwerks wählte Marco Koppe im November 2018 mit einer großen Mehrheit in das Amt.

 


Was bedeutet dieses Amt für dich: mehr Freude oder mehr Last im Sinne von mehr Verantwortung?
Es bedeutet mehr Verantwortung, aber ich ziehe auch Freude aus der
Verantwortung. Sehr diplomatisch formuliert. (lacht) Naja, ich merke schon, es ist mehr Verantwortung. Leute kommen auf mich zu und wollen, dass ich bei ihnen predige, weil ich der Vorsitzende bin, möchten gern mit mir telefonieren und hören, was ich für eine Meinung zu bestimmten Themen habe. Und das mache ich sehr gerne, und gleichzeitig denke ich: Ich habe mich doch gar nicht verändert. Aber dieses Amt bringt mich in eine Situation, in der die Leute viel mehr darauf achten, was ich sage und was ich mache. Ich merke, es dauert seine Zeit, auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie wir in der Geschäftsstelle und im Vorstand miteinander arbeiten und ich gleichzeitig für die Ortsvereine ansprechbar sein kann.


Inhaltlich betrachtet: Wie schätzt du die Arbeit der CVJM in Berlin und Brandenburg gerade ein?
Es gibt CVJM, die im Lokalen eine sehr gute Arbeit machen und bei denen das
Konzept richtig gut aufgeht. Zum Beispiel in Bad Belzig – da gelingt es, sich auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen, mit lokalen Akteuren zusammenzuarbeiten und ein Angebot für Jugendliche zu schaffen, das in ihre Lebenswelt passt. Aber ich
glaube auch, dass man das nicht pauschal über alle CVJM sagen kann.

 

Warum?
Es gibt auch Vereine in Berlin und Brandenburg, die es nicht schaffen, mit ihren
Angeboten Jugendliche zu erreichen. Wir dürfen es als CVJM nicht verpassen, uns
zu verändern, Inhalte und Strukturen anzupassen. Wenn wir es nicht schaffen, uns auf die Lebenswirklichkeit der jungen Leute einzustellen, wenn wir es nicht schaffen, mit Kirche, den Kommunen und lokalen Akteuren zusammenzuarbeiten, werden wir als CVJM keine Chance haben. Dann werden wir zu einem Auslaufmodell und das wäre schade, denn wir haben eine wichtige Botschaft.


Wo siehst du jetzt Handlungsbedarf?
Wir müssen ins Gespräch miteinander kommen. Ich möchte gern alle Vereine besuchen und herausfinden, was brennt ihnen unter den Nägeln und gleichzeitig aufzeigen, dass wir uns als CVJM in der sozialen Landschaft verankern müssen. Wir können ein wichtiger Player sein, aber das funktioniert nicht im Alleingang und ohne die anderen
Player.

 

Und wo liegen für dich die Chancen der CVJM-Arbeit?
Die größte Chance, die wir haben, ist, dass wir als CVJM so unfassbar flexibel sein können. Dass wir uns im Laufe der letzten 175 Jahre auf Jugendliche eingestellt
haben. Wir dürfen uns nur nicht darauf ausruhen, dass wir bis jetzt eine gute Arbeit gemacht haben. Und unsere größte Stärke ist, dass wir so viele engagierte Ehrenamtliche haben, die ein großes Herz für die Arbeit und die Menschen haben.

 

Auf der anderen Seite wird es immer schwieriger, neue ehrenamtliche Mitarbeiter verbindlich für die Arbeit zu gewinnen. Du bist das Paradebeispiel, wie es funktionieren kann. Was waren die Faktoren, die dich überzeugt haben zu bleiben und dich ehrenamtlich zu engagieren?

Der CVJM hat bei mir eine Leere gefüllt. Wie schaffe ich es, meine Freizeit sinnvoll
zu gestalten? Wo schaffe ich es, meine Leidenschaften zu entwickeln? Und wer beantwortet mir meine Fragen? Das war der Anfang. Und gleichzeitig hat der CVJM mir Verantwortung zugesprochen, die ich mir damals selbst nie zugesprochen hätte. Als ich Workshop-Leiter bei TEN SING wurde, dachte ich: »Ich bin doch nur ein 17-jähriger Ossi.«

 

Mittlerweile hast du beruflich Karriere gemacht – und stehst jetzt dem Vorstand des Landesverbandes vor. Das bedeutet lange Sitzungen und Gremienarbeit. Du kennst aber auch die praktische Jugendarbeit, hast unter anderem das Projekt »YMCA – The Musical« 2017 initiiert und geleitet. Welche Vorteile bringt dir das für deine neue Aufgabe?
Der größte Vorteil ist, dass ich mit 50 Jugendlichen über zwei Jahre sehr intensiv
im Gespräch war. Das war sehr bereichernd und ein großer Segen. Ich habe ein Gefühl bekommen, was sie bewegt und was sie brauchen, was ihre Fragen sind. Ich finde, du kannst nicht nur in der Theorie über Jugendarbeit sprechen, du musst auch raus und mit den Leuten vor Ort im Gespräch bleiben.

 

Hintergrund

Marco Koppe (34) ist in Frankfurt (Oder) geboren und aufgewachsen. Durch einen Auftritt von TEN SINGern aus Norwegen in seiner Schule kam er im Alter von 16 Jahren zum CVJM – und blieb ihm seitdem verbunden. Er absolvierte im CVJM ein Freiwilliges Soziales Jahr, studierte am CVJM-Kolleg in Kassel Theologie und wurde 2011 in den Vorstand des Landesverbandes gewählt. Nach seinem Studium der Sozialen Arbeit leitete er zunächst ein Stadtteilzentrum in Berlin-Marzahn und ist heute Geschäftsführer der Tafel-Akademie in Berlin.

 

Das Interview erschien erstmals im CVJM Magazin für das CVJM-Ostwerk 2/2019. Die Fragen stellte Sabrina Becker.