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CVJM-Ostwerk stellt Buch „Hässlich willkommen“ vor

 

BERLIN - Das CVJM-Ostwerk hat am vergangenen Freitag das Buch „Hässlich willkommen. Texte über Flucht und Heimat“ vorgestellt.  Darin erzählen junge Geflüchtete, was sie veranlasst hat, nach Deutschland zu fliehen und welche Träume und Hoffnungen sie nun an ihr neues Leben haben. Zur öffentlichen Buchpremiere im Café Y not in Berlin-Schöneberg kamen über 100 Gäste, darunter auch Vertreter aus der Berliner Politik, den Bezirksämtern sowie den Jugendverbänden. Das Publikum hörte heitere, aber auch sehr berührende Texte, die die Autoren selbst vortrugen. 

 

„Als ich auf die Bühne gegangen bin, schossen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wie mein Vater in der ersten Reihe saß, mit einem Lächeln. Und ich wollte wirklich weinen, weil er so stolz auf mich ist“, sagte Rabee Butros nach der Veranstaltung. Der 21-Jährige, der vor zwei Jahren seine Heimat Syrien verlassen musste, war einer von drei jungen Autoren, die aus ihren Beiträgen im Buch „Hässlich willkommen“ vorlasen. Rabees Text handelt von den Erlebnissen auf seiner Flucht. Warum er bei dem Buchprojekt mitmachte? „Ich wollte mich in Deutschland selbst beweisen und die Gesellschaft hier positiv beeinflussen. Einige haben einen negativen Blick auf unsere Kultur. Ich finde, diese Leute generalisieren.“ Rabee hofft, dass viele Deutsche das Buch lesen, damit sie mehr Verständnis für Geflüchtete aufbringen.

 

Ähnliche Träume

Genau das ist das Ziel des Buchprojekts, das vor über zwei Jahren mit Schreibwerkstätten begonnen hatte - Workshops, die das CVJM-Ostwerk für junge Geflüchtete veranstaltete, um ihnen zu helfen, sich in der neuen Sprache auszudrücken. „Eigentlich wollten wir zu Beginn gar kein Buch schreiben“, erklärte der Leiter des CVJM-Ostwerks, Andree Strötker während seiner Begrüßung. Dann seien jedoch so tolle Texte entstanden: „Die haben uns alle geflasht, dass wir entschieden haben: Das müssen andere Leute lesen. Auch um zu verstehen, wie ähnlich die Träume der jungen Erwachsenen sind – ob sie nun aus Syrien stammen oder aus Deutschland.“

 

Die Herausgeber des Buches, das Autorenpaar Petra und Karsten Lampe, hatten die jungen Geflüchteten während der Arbeit am Buch begleitet. An diesem Abend standen sie auf der Bühne, um durch den Abend zu führen. Gleich zu Beginn erklärten sie, wie der provokante Titel des Buches zustande kam. Ein Teilnehmer einer Schreibwerkstatt habe statt „herzlich willkommen“ immer „hässlich willkommen“ verstanden – und es so interpretiert, dass eben alle willkommen seien – auch die Hässlichen. „Wir dachten, das ist der perfekte Titel für dieses Buch“, sagte Petra Lampe und erntete dafür Applaus und Lacher aus dem Publikum.

 

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„Wie die Dinge funktionieren“

Neben Prosa findet sich auch Lyrik im Buch. Akhtar Alizade trug sein Gedicht „Eine Wehklage“ auf der Bühne vor – zuerst auf seiner Muttersprache Dari, dann auf Deutsch. „Ich bin des Elends dieser Tage überdrüssig. Warum sind sich alle fremd geworden?“ fragt er darin. Nachdenklich stimmte auch der Vortrag von Mohsen Hassani, der seinen Text „Wie die Dinge funktionieren“ las. Darin beschreibt der Afghane seine alte Heimat, das Leben mit seiner Familie – und was ihn nach der Flucht in den Iran erwartete. Dort riefen ihn die Einheimischen „Schlitzauge“ oder „dreckig“.

 

„Wir haben nicht nur über die traurigen, sondern auch über die schönen Erinnerungen geredet“, leitete Petra Lampe die anschließende Diskussionsrunde ein, bei der die Autoren Fragen aus dem Publikum beantworteten. Was seine schönste Kindheitserinnerung sei? Wie er mit Murmeln gespielt habe, erzählte Hamoudi Moarawi und lachte. „Ich wette ich könnte einige Deutsche hier fragen und die würden das gleiche antworten“, stellte Petra Lampe fest. Ein Gast wollte wissen, warum nur junge Männer an diesem Abend auf der Bühne standen. Im Buch gebe es auch Beiträge junger Frauen, doch die Mehrheit der Schreibwerkstatt-Teilnehmer seien männlich, sagte Petra Lampe. Das hänge zum einen mit der Situation zusammen, dass mehr Männer nach Deutschland geflüchtet seien und damit, dass sie weniger Bedenken hätten als junge Frauen.

 

Lautposie geübt

Nach ihren Erfahrungen gefragt antwortete die Künstlerin Jessy James Lafleur, die Workshops innerhalb der Schreibwerkstätten geleitet hatte, sehr emotional: „Das sind meine Jungs. Ich habe mich oft wie ihre große Schwester aufgespielt.“ Sicherlich sei die Sprachbarriere eine Herausforderung gewesen, ergänzte sie, deswegen habe sie in den Seminaren auch oft Lautpoesie mit den Teilnehmern geübt – Lautspielereien mit Silben, die zwar keinen Sinn ergeben, aber die Angst vor der deutschen Sprache und ihrer Aussprache nehmen sollten. „Wenn man junge Menschen trifft, die so viel durchgemacht haben, da war ich oft schon kurz vor’m Weinen, weil ich mich gefragt habe, was kann ein Mensch alles ertragen“, sagte sie.

 

Das Projekt hat mit dem Buch seinen Abschluss gefunden. Ob es fortgeführt wird, ließ Karsten Lampe aber offen. Schließlich habe man „bei vielen Teilnehmern der Schreibwerkstatt die Leidenschaft für’s Schreiben geweckt“. Zum Abschluss dankten die Herausgeber dem Landesjugendring Berlin, der eine Förderung des Projekts auf den Weg gebracht hatte, der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, die das Projekt finanziell mitgetragen hatte und dem Satyr-Verlag, in dem das Buch Anfang Juni erscheint.

 

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Weitere Informationen:

Karsten & Petra Lampe (Hrsg.): Hässlich willkommen. Text über Flucht und Heimat. Satyr 2018. ISBN: 978-3-9947106-08-0

Das Buch ist ab dem 4. Juni im Buchhandel erhältlich. Es kann auch über die Evangelische Buchhandlung in Rostock (Tel.: 0381/ 49 23 550), die zum CVJM-Ostwerk gehört, bestellt werden  oder im CVJM-Shop www.cvjm-shop.de.