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Unsere Geschichte

Während der Weimarer Republik

Nach Kriegsende 1918 erschwerten die Abdankung des Kaisers, der zugleich oberster protestantischer Kirchenherr war, und die Trennung von Staat und Kirche die Identifikation mit der Weimarer Republik. Diese Ablehnung der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse äußerte sich auch in der Arbeit der „Schundbuchstelle“, die neu auf den Markt kommende „unsittliche“ Literatur erfassen und in warnenden Schriften von deren Lektüre abraten sollte. Daneben erfreuten sich die bereits 1912 entstandenen Pfadfindergruppen ebenso großen Zulaufs wie die Turnerabteilungen; etliche Soldatenheime hingegen mussten geschlossen werden, da der Versailler Vertrag die Heeresgröße auf 100.000 Mann festlegte.

Ende der zwanziger Jahre etablierte sich im Ostbund auch eine Jungvolk-Arbeit. Wie die gesamte bündische Jugendbewegung zeichnete sich das Jungvolk durch straffe Organisationsformen, Ritualisierung und Symbolisierung aus. Es gab es eine Sturmfahnen-, Wimpel- und Abzeichenordnung sowie einheitliche Kleidung. Während der Weltwirtschaftskrise rückte zusätzlich die Arbeitslosigkeit in den Aufgabenbereich des Bunds: In Schulungslagern wurden arbeitslose Männer seelsorgerisch betreut und fachlich qualifiziert. Doch auch in der Bundesverwaltung dominierten wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten: Einbußen bei den Mitgliedsbeiträgen schlugen sich ebenso auf den Etat nieder wie die nicht ausgelasteten Soldatenheime. Die Pachtung des Hotels Danziger Hof im Januar 1931 sollte langfristig für mehr Einnahmen sorgen, kurzfristig allerdings belasteten die hohen Renovierungskredite die Bundeskasse erheblich.

Jungvolk (um 1930)
Jungvolk (um 1930)

Nach der Machtergreifung

Durch die Krise der Weimarer Republik begrüßten neben weiten Teilen der Gesellschaft auch viele Ostbundmitglieder die Machtergreifung der Nationalsozialisten als lang ersehnten „Aufbruch der deutschen Nation“. Im Bundesvorstand war sie allerdings überschattet von erheblichen finanziellen Belastungen. Durch den Danziger Hof drohte wiederholt der Konkurs. Konsolidierungsmaßnahmen zeigten erst langsam Wirkungen. Spätestens mit der Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend im Frühjahr 1934 zeigte sich allerdings, das die anfängliche Euphorie schwerwiegende Folgen haben sollte. Um diesem Schritt zuvor zu kommen, beschloss das Ostwerk am 8. Februar 1934, die unter 18-Jährigen aus dem Mitgliedschaftsverhältnis zu entlassen.

Jungvolk (um 1933).
Jungvolk (um 1933).

Trotz staatlicher Repressionen konnte die Jugendarbeit in den Kirchgemeinden durch ehrenamtliche Mitarbeiter, sogenannte Amtsträger, vor Ort weitergeführt werden, wenn auch unter immer schwereren Bedingungen. Zu den Olympischen Spielen 1936 stellte das Ostwerk trotz anfänglicher Bedenken wegen ideologischer Ausrichtung und Manipulation der Spiele seitens der NS-Führung einen Sonderetat und zwei hauptamtliche Mitarbeiter für die Betreuung der internationalen YMCA-Sportler im CVJM-Olympiazelt zur Verfügung. Das Soldatenheim Döberitz wurde im August 1939 an den „Reichsfiskus Heer“ verkauft. Während des Zweiten Weltkriegs schränkten Personalmangel, Reiseverbote und Papierknappheit die Arbeit weiter ein, dennoch wurde der Kontakt zu den Mitgliedern an den Fronten nicht
abgebrochen.

Nach dem Krieg: das Evangelische Jungmännerwerk

Das Haus in der Sophienstraße überstand den Krieg nahezu unbeschadet. Die sowjetischen Besatzungsbehörden verweigerten 1945 allerdings sowohl eine Weiterarbeit des Ostwerks als Verein als auch die Neugründung einzelner Ortsvereine. Erst mit der strukturellen Anbindung an die Evangelische Kirche konnte das Evangelische Jungmännerwerk, wie das Ostwerk seit 1946 offiziell hieß, seine spezifischen Aufgaben in der seelsorgerischen Begleitung von Jungen und jungen Männern sowie in der evangelistisch-missionarischen Verkündigung innerhalb der kirchlichen Jugendarbeit wahrnehmen. Auf Kreis- und Landesebene unterstützten die hautberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Evangelischen Jungmännerwerks die örtliche Gemeindejugendarbeit durch überregionale Rüstzeiten, Seminare und Bibelfahrten, zum Beispiel nach Schloss Mansfeld oder ins „Haus am See“ in Mötzow. Zur Verbreitung christlicher Literatur und Arbeitshilfen unterhielt das Ostwerk eine ganze Reihe von Buchhandlungen.

Durch die Beschlüsse der 2. Parteikonferenz der SED im Jahr 1952, den umfassenden Aufbau des Sozialismus in der 1949 gegründeten DDR zu starten, begann auch ein verschärfter Kampf des gesamten Staatsapparates gegenüber allen kirchlichen Institutionen. Praktisch sämtliche Aktivitäten der Kirche und vor allem der Jungen Gemeinde standen unter dem Verdacht „falsches Bewusstsein“ zu vermitteln. So war auch das Jungmännerwerk immer wieder mit gravierenden Behinderungen durch staatliche Stellen vor allem in den 1950er und 1960er Jahren konfrontiert: Rüstzeiten wurden aus fadenscheinigen Gründen untersagt, Veranstaltungen behindert, verboten oder sabotiert und Schriften zensiert. Unter besonderer Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit stand der 1952 auf Anregung der Christlich-Akademischen Vereinigung (CAV) gebildete und anfangs eher politisch als missionarisch orientierte Studentenkreis, zu dem unter der Leitung von Fritz Maschutat bis zu 100 Männer und Frauen in der Sophienstraße zusammenkamen.

 

Das Haus in der Sophienstraße 19 (um 1950).
Das Haus in der Sophienstraße 19 (um 1950).

Zwei Jahre nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1962 ermöglichte die DDR-Regierung nun einen Wehrersatzdienst ohne Eidesformel bei den Baueinheiten der NVA. Um junge Männer bei ihrer Entscheidungsfindung zu begleiten, Gewissenskonflikte zu erörtern und sie während ihrer Dienstzeit seelsorgerisch zu betreuen, richtete das Jungmännerwerk nach erfolgtem Mandat aller Landeskirchen in der Sophienstraße eine Beratungsstelle für Wehrdienstfragen ein. Oft war eine Wehrdienstverweigerung gleichbedeutend mit späteren beruflichen Nachteilen. Diese seelsorgerische Arbeit für die „Bausoldaten“ war für das Jungmännerwerk eine neue und äußerst wirkungsmächtige Herausforderung.

Das Jungmännerwerk verstand sich in den 1970ern als innerkirchliche Dienstgemeinschaft hautberuflicher und freier Mitarbeiter, zu denen seit Mitte der 1970er Jahre auch Frauen gehörten. Im Februar 1986 feierte das Evangelische Jungmännerwerk sein 130-jähriges Jubiläum in Berlin unter dem Motto: „Jesus Christus ruft und sendet junge Menschen“. Die Phase der Friedlichen Revolution haben zahlreiche Mitglieder des Jungmännerwerkes und insbesondere des ehemaligen Studentenkreises an verschiedenen Orten in der DDR maßgeblich mit gestaltet. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten stellte das Werk danach vor große strukturelle und inhaltliche Herausforderungen. Aus den einzelnen Jungmännerwerken entstanden eigene CVJM-Landesverbände.

Jungschartag in Berlin (1967).
© Johannes Kutschbach
Jungschartag in Berlin (1967).

Nach der Wiedervereinigung: Das CVJM-Ostwerk

Nachdem das Amtsgericht dem 1990 in CVJM-Ostwerk umbenannten Evangelischen Jungmännerwerk die Anerkennung als juristischer Nachfolger des Ostdeutschen Jünglingsbunds verweigerte, musste das Werk liquidiert werden. Im Mai 1993 wurde darauf hin das CVJM-Ostwerk Berlin-Brandenburg e.V. neu gegründet, nachdem sich bereits einen Monat zuvor der CVJM-Landesverband Sachsen-Anhalt konstituiert hatte. Außer dem CVJM Berlin und dem CVJM in Seelow gibt es keine CVJM auf dem Ostwerksgebiet, erste Ortsvereine werden nach und nach gegründet. Daneben sind regelmäßige Freizeiten, Seminare, Jugendtage, TEN SING Veranstaltungen, Sportturniere und Mitarbeiterschulungen Arbeitsschwerpunkte. Die Freizeithäuser in Waldsieversdorf und Mötzow, aber auch der 1997 eingeweihte Sophienhof und das 1998 eröffnete Café Mittendrin dienen als Orte der Begegnung, wo junge Menschen von Jesus hören und christlichen Glauben erleben können. 2006 feiert das Ostwerk das
150. Jubiläum.

 

Johannes Leicht

Die Freizeit- und Bildungsstätte in Mötzow 1997
Die Freizeit- und Bildungsstätte in Mötzow 1997